Franz Krautkremer Stiftung

Die Geschichte der "Alten Kirche" in Spay

Die „Alte Kirche“ in Spay. Spay im Dezember 1996
300jährige Konsekration der alten Kirche zu Spay

Die „Alte Kirche“ in Spay. Spay im Dezember 1996 –
Prof. Dr. Franz Josef Heyen

Sonderdruck aus Heimat-Jahrbuch Kreis Mayen-Koblenz 1988, S. 39-44

In Spay gibt es drei Kirchen: Zunächst: in Niederspay die große, 1898-1900 durch die Kölner Architekten Carl Rüdell und Richard Odenthal erbaute und 1904 durch den Trierer Bischof Michael Felix Korum geweihte St.-Lambertkirche. Sie ist wegen ihrer eigenwilligen, um einen sechseckigen Zentralraum in neoromanischen Formelementen entwickelten Raumkonzeption als die originellste Kirche Rüdells bezeichnet worden (F. Ronig) und ist vor einigen Jahren durch eine wenig veränderte Trassenführung der B9 für alle in Richtung Koblenz Fahrenden in eine immer wieder beeindruckende und erfreuende Perspektive zur Marksburg gestellt worden.

Sodann am Ortseingang aus Richtung Boppard am rechten Straßenrand die St.-Peters-Kapelle, nach der der Ortsteil bzw. die früher selbständige Gemeinde Oberspay auch Peterspay benannt wurde. Die Kapelle mit einem rippengewölbten kleinen Chor wurde um 1300 erbaut und hat noch eine sehr wertvolle Ausmalung aus der Erbauungszeit. Ein Förderkreis hat sich erfolgreich der Erhaltung dieses bedeutenden kultur- und architekturgeschichtlichen Kleinods unserer Heimat angenommen und mit der Außenrenovierung weitere Schäden verhindert. Für die dringend erforderliche Restaurierung der Innenausmalung sollten wir alle uns (nicht nur mit schönen Worten) einsetzen, aber mir scheint, dass auch die berühmten ,,öffentlichen Hände" hier aktiv helfen müssen.

Schließlich aber, wovon hier die Rede sein soll, im Ortskern Niederspay am Rheinufer die „alte" Pfarrkirche, alt freilich nur zur Unterscheidung von der an erster Stelle genannten neuen Pfarrkirche. Sie war auch dem heiligen Lambert geweiht, d.h. die neue Kirche hat diesen Patron der alten Kirche bei der Weihe 1904 übernommen und so auch im Namen nicht nur eine Tradition bewahrt, sondern auch den ununterbrochenen Fortbestand der Pfarrei im neuen Hause zum Ausdruck gebracht. Der im Jahr 705/6 in Lüttich gestorbene Lambert waor Bischof von Maastricht: und wurde als bevorzugter Heiliger der Karolinger schon bald im ganzen Frankenreich verehrt. Vielleicht dürfen wir daraus schließen, dass eine erste, dem hl. Lambert geweihte - und das heißt ja unter dessen Schutz gestellte - Kirche schon im frühen 9. Jahrhundert errichtet worden ist Die Siedlungen (Nieder-)Spay und Oberspay werden urkundlich erstmals im Jahr 875 genannt; damals bestätigte der Trierer Erzbischof Bertolf, der zur Einweihung der neuen Domkirche in Köln weilte, dem Kölner St.-Kunibert-Stift Besitzungen unter anderem in diesen beiden Orten. Über das Alter der Siedlungen ist damit: aber natürlich nichts gesagt; sie sind gewiss älter als diese Ersterwähnung in einem Schriftzeugnis.

Das Christentum reicht hier am Mittelrhein zurück bis in die römische Epoche. Um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert gab es sicher christliche Gemeinden z.B. in Andernach, Koblenz und Boppard. Wir dürfe auch annehmen, dass diese den Zusammenbruch der römischen Herrschaft und die Inbesitznahme durch die Franken im späten 5. Jahrhundert überdauert haben. Die Franken haben dann - wahrscheinlich in Anlehnung an spätrömische Organisationsformen - große Krongutbezirke eingerichtet, die als Reichsgut, Fiskus oder auch einfach als „Reich“ bezeichnet wurden. Zentralort eines solchen Fiskus war Boppard, der deshalb in späterer Zeit bisweilen auch als das ,,Bopparder Reich" bezeichnet wurde. Zu diesem Fiskus Boppard gehörten auch die Siedlungen Ober- und Niederspay, und ursprünglich bildete der ganze, bis vor St. Goar rheinaufwärts und weit in den Hunsrück reichende Fiskus eine einheitliche (Groß-) Pfarrei. Die St.-Severus-Kirche in Boppard war also zunächst auch die Mutter- und Pfarrkirche von Spay. Diese Großpfarrei Boppard mit ihren umfangreichen Seelsorgeverpflichtungen, aber auch mit den beträchtlichen Einnahmen aus dem Zehnten des ganzen, mit der Pfarrei identischen Fiskalbereiches wurde von Kaiser Otto III. (985-1002) und wenig später vom Bischof von Worms dem vom gleichen Otto III. errichteten Stift St. Martin in Worms übertragen. Die schriftliche Überlieferung über diese Rechtsakte ist in späterer Zeit verfälscht worden, so dass exakte Datierungen kaum noch möglich sind; an der Sache als solcher besteht aber kein Zweifel.

Für Niederspay speziell wird aber dann 200 Jahre später, nämlich von König Heinrich VI. im Jahr 1190 und vonPapst Honorius III. im Jahr 1223, ausdrücklich bestätigt, dass Bischof Burchard von Worms dem Stift St. Martin in Worms die Kirche in Spay übereignet habe. Wir dürfen annehmen, dass es sich dabei um den bedeutenden Bischof Burchard O. handelt, der von 1000 bis 1025 regierte und den Neubau des noch bestehenden Wormser Domes begann, der im Jahr 1018 in Gegenwart Kaiser Heinrichs II. geweiht wurde. Wahrscheinlich haben die oben genannten Bestätigungen von 1190 und 1223 ihren Grund darin, dass der Pfarrbezirk von Niederspay (mit Oberspay, Siebenborn und Brey) erst noch der Übertragung der Großpfarrei Boppard an das St.-Martins-Stift abgetrennt und zur selbständigen Pfarrei erhoben worden ist, so dass es im späten 12. Jahrhundert zweifelhaft sein konnte, ob Spay in die Schenkung Ottos III. bzw. Bischof Burchards einbezogen war; das wurde aber dann durch König Heinrich VI. und Papst Honorius bestätigt.

Für die Geschichte von Spay heißt das, dass die ältere, vielleicht in den Anfang des 9. Jahrhunderts zurückreichende St.-Lambert-Kirche zunächst Filialkirche der zum Königsgut gehörenden Großpfarrei Boppard war, mit dieser um 991/995 an das Diözese Worms und von diesem an das Stift St. Martin in Worms kam und danach, jedenfalls vor 1190, zwar verselbstständigt und zur Pfarrkirche erhoben wurde, aber weiter beim Stift St. Martin in Worms geblieben ist. In der Praxis bedeutet dies, dass die Stiftsherren von St. Martin die Zehnteinnahmen mit Ausnahme des vorgeschriebenen Anteils für den Pfarrer, den sie benennen durften, erhielten, dafür aber auch einen Teil der Baukosten der Kirche zu tragen hatten. 1271 wurde ihnen schließlich die Kirche inkorporiert, was besagt:, dass der jeweilige Dekan des Stiftes St. Martin gleichzeitig Pfarrer von Spay war, aber einen ständigen Vikar (Pfarrverwalter) bestellen und besolden musste. Diese Rechtsform bestand dann über 600 Jahre bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Von all dem kann man heute freilich in der Alten Kirche von Spay nichts mehr erkennen. Erhalten ist: vielmehr ein - wie das Datum am Eingangsportal festhält: - im Weihbischof Verhorst geweihter (und vermutlich damals erst: fertiggestellter) Neubau, eine für das späte 17. Jahrhundert typische Saalkirche mit: rechtwinkligem Ostchor. Im mächtigen Westturm sind Teile des Vorgängerbaues erholten, Wenn es auch vorerst dahingestellt: sein mag und genauerer Untersuchungen bedürfte, ob hier sogar römische Bauteile erkennbar sind. Jedenfalls ist in unserer Landschaft der Gedanke nicht abwegig, dass die erste Kirche in die Ruinen eines römischen Gebäudes - wobei man an einen römischen Wachtturm am Rheinufer denkt - hineingebaut: wurde; es gäbe dazu viele Porollelen. Über den mittelalterlichen Vorgängerbau aber konnten nur Grabungen im Schiff der heutigen Kirche Auskunft geben; es ist: jedenfalls sehr wahrscheinlich, dass die alten Fundamente einer wohl kleineren, mehrschiffigen Kirche noch im Boden erhalten sind. Gewiss muss man auch mit: baulichen Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte rechnen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese Kirche dann zu klein und auch baufällig. Man entschloss sich zu einem großen, modernen Neubau, und die nun alte Kirche überließ man ihrem Geschick. Zu Anfang des [20.] Jahrhunderts, kurz vor dem 1. Weltkrieg, bestand Einsturzgefahr, aber weder die Zivil- noch die Kirchengemeinde wollten etwas für die Erhaltung tun, obschon der Regierungspräsident: von Koblenz die Kirche als ein „in baulicher Hinsicht künstlerisches Werk“ bezeichnete. Der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz gab schließlich 2.000 Mark, mit denen wenigstens der Turm vor dem drohenden Einsturz bewahrt werden konnte. Alle Überlegungen einer umfassenden Sanierung des Gebäudes scheiterten aber letztlich daran, dass es an einer Idee für eine sinnvolle Nutzung des Gebäudes fehlte.

Die Geschichte des weiteren stetigen Verfalls der alten St.-Lambert-Kirche aber ist hier nicht: nachzuzeichnen. Zuletzt: standen noch der Turm und die Umfassungsmauern der Kirche als offene Ruine. Deren Einsturz und Abbruch waren vorprogrammiert. Davor gerettet hat: die Kirche der Spayer Bürger Franz Krautkremer. Er hat: das Gebäude nach langwierigen Verhandlungen mit der Kirchengemeinde und der Diözese Trier 1977 erworben und sofort umfassend saniert. Für eine erneute rechtmäßige Nutzung als Sakralraum fehlte die Zweckbestimmung. Deshalb entschloss sich Franz Krautkremer, die architektonisch vorgegebene Halle als neutralen Versammlungsraum einzurichten, wobei von vornherein auch an musikalische Veranstaltungen (Konzerte) gedacht war. Deshalb wurde im ehemaligen Chorraum eine Orgel mit 14 Registern, die für die gesamte Orgelliteratur ausgelegt ist, aufgestellt. Die Bestuhlung ist aber variabel, so dass der Raum auch für andere Versammlungen und Empfänge zur Verfügung steht. Die Konzerte in der Alten Kirche in Spay sind inzwischen eine feste und für Kundige herausragende kulturelle Einrichtung unserer mittelrheinischen Heimat, nicht zuletzt wegen des großen persönlichen Engagements von Professor Peter Dicke (Musikhochschule Köln), dem Schwiegersohn von Franz Krautkremer. Trotzdem ist diese Alte Kirche von Spay nicht völlig profaniert. In geduldiger, aufmerksamer Sammeltätigkeit ist es Franz Krautkremer gelungen, dem Raum wieder eine Ausstattung zu geben, die nicht meseal ist, sondern daran erinnert und bewusst macht, dass es sich um ein Gebäude handelt, das als Kirche, als Gotteshaus errichtet wurde und das auch heute noch dem Gotteslob dienen kann und dienen will.

Es ist hier nicht der Ort, eine vollständige Beschreibung dieser Innenausstattung zu geben, aber einige Stücke sollen doch genannt sein. Da ist zunächst an der rechten Wandseite das Altarbild aus der alten Kirche, ein Passionsaltar in Form eines Tryptichons, der eine Leihgabe der Kirchengemeinde ist und ja recht eigentlich auch hierher gehört. Es handelt sich um eine Arbeit aus dem Kreis des Kölner Meisters der hl. Sippe um 1500; die Seitenflügel sind Ergänzungen der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. An der gegenüberliegenden linken Wand hat seit kurzem ein wohl um 1500 entstandener spätgotischer Christus-Corpus - sehr eindrucksvoll ohne Kreuz - auf der weiten Mauerfläche einen Platz gefunden. Darunter hängt eine Grablegung, wahrscheinlich Flämisch aus dem 17. Jahrhundert. An der linken Ostwand neben dem Chor hat eine Pieta einen guten Platz; sie wird als süddeutsche Arbeit der Zörn-Schule um 1600 angesprochen. An der Innenwand des Turmes befinden sich zwei halbfigürliche Holzplastiken der Apostel Petrus und Paulus, beides Arbeiten aus der Zeit um 1650, vielleicht aus dem spanischen Raum. An der Außenseite des Turmes schließlich ist über dem Portal in einer Nische eine Statue des hl. Josef in einem Eisenguss des 19. Jahrhunderts aus der alten Kirche erhalten; für die leere parallele Nische wurde von privater Seite eine Madonna gestiftet. Genannt seien schließlich noch an der Rückwand der Kirche eine Kreuzwegszene aus dem 17. Jahrhundert und zwei in die Westwand eingemauerte Grabkreuze von 1585 und 1616, sowie das Fragment einer Grabinschrift, die sicher in eine sehr frühe Zeit zurückreicht, aber noch genauerer Dotierung und Fundortbestimmung bedürfte. Neben diesem ehemaligen Kirchenraum, dessen harmonische Gestaltung noch durch eine schmucklose, leicht abgehängte, trapezförmige Holzdecke, einen großen schmiedeeisernen Leuchter und verschiedene schmiedeeiserne Gitter unterstrichen wird, muss auch noch der zwar erhalten gebliebene, nun aber umfassend restaurierte Turm genannt werden, dessen wuchtige äußere Gestaltung das Ortsbild von Spay mitprägt: und dessen geräumiger Glockenraum nun als Turmzimmer für kleine Gesellschaften genutzt: wird.

Die alte Kirche von Spay ist heute weder ein steriles Museum, noch ein seelenloser Tagungsraum, sondern ein Bauwerk, das Atmosphäre hat und vermittelt, das an die weit über tausendjährige Geschichte eines christlichen Gotteshauses erinnert. eingebunden mit klangvollen Namen in deutsche und rheinische Vergangenheit, verbunden aber ebenso den Menschen aus Spay, den Bauern, Winzern, Schiffern und Fischern, die hier in Freud und Leid, im Alltag und zu Festen zusammengekommen sind, gebetet und gesungen haben. Die Initiative eines Bürgers unserer Tage hat dieses Gebäude nicht nur erhalten und als solches erneuert, sondern hat ihm auch eine neue Funktion gegeben und damit nicht nur passiv Tradition gewahrt, sondern auch aktiv kulturelles Tun ermöglicht. Dafür sei Franz Krautkremer gedankt.

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300jährige Konsekration der alten Kirche zu Spay – von Sascha Ritter

Niederschrift eines am 3.12.1995 in Spay gehaltenen Vortrages

Einige von Ihnen werden sich fragen, weshalb wir heute an diesem Ort zu einer Feierstunde zusammenkommen. Weshalb feiern wir heute ein Ereignis in Verbindung mit der Alten Kirche, wo doch ihre Fertigstellung in das Jahr 1670 fällt? Schließlich ist es doch die 1670, die über dem Hauptportal in Basalt verewigt ist - nicht die 1695, die es heute zu feiern gilt. Was geschah also vor 300 Jahren? Am 09. Mai 1695 hatten unsere Vorfahren einen großen Tag zu feiern. Es hatte sich hoher Besuch angekündigt. Ein Weihbischof aus Trier, Johann Verhorst, sollte unsere Alte Kirche dem heiligen Lambertus weihen. Seit 1670, also seit 25 Jahren, war die Kirche schon fertiggestellt, aber nicht konsekriert. In diesen turbulenten Jahren war dies sicher keine Seltenheit, denn das 17. Jahrhundert hatte mit dem 30-jährigen Krieg und seinen Folgen das Land verdorben und die Bevölkerung ausgeblutet. So gesehen hätten wir schon am 09. Mai 1995 feiern müssen. Es fand sich aber kein geeigneter Termin. Vor 300 Jahren hat man also die damals „neue“ Alte Kirche geweiht. Was aber war mit ihrem Vorgängerbau geschehen? Auch im Mittelalter hören wir von einer Kirche in Niederspay, die sich schon im 12. Jahrhundert „Pfarrkirche“ nannte. Wie sah diese Kirche aus und wo stand sie? Gab es mehrere Vorgängerbauten? Das Aussehen der „älteren“ Alten Kirche ist uns leider heute gänzlich unbekannt, sie wird aber ebenfalls an dieser Stelle hier gestanden haben. Unsere Alte Kirche wurde nämlich unter Verwendung von Bauteilen errichtet, die bis ins Mittelalter, vielleicht sogar bis in die Römerzeit zurückdatieren. Damals - so wird vermutet -stand hier möglicherweise ein römischer Wachturm. Die strategisch günstige Lage unseres Ortes legt diese Vermutung nahe, denn zeitweise bildete der Rhein die Ostgrenze des Römischen Reiches. Diese Grenze war allerdings im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. nicht mehr zu halten. Die Überfälle der Germanenstämme nahmen ständig zu, und im Jahre 476 n. Chr. zerfiel das marode Imperium endgültig in seine Teilgebiete. Archäologische Zeugnisse aus Spay und Umgebung lassen vermuten, dass manche Menschen, die damals hier lebten, ihre Hofe Hals über Kopf verlassen mussten. Viele Landhäuser verfielen, und nicht wenige Römerstraßen überwucherten.

Erst im Jahre 874 hören wir von der Existenz einer Siedlung Speion am linken Rheinufer. Es werden beide Ortsteile genannt und auch Bruone (Brey) und Renson (Rhens) finden Erwähnung. Von einem Gotteshaus in Spay ist erstmals im Jahre 982 die Rede. Kaiser Otto II. war damals Eigentümer der Kirche mit ihren angeschlossenen Filialkirchen, die bis in den Hunsrück verstreut waren. Sein Sohn, Kaiser Otto III., schenkte die Kirche nur wenige Jahre später dem Bischof Burchard von Worms. Auch die Bopparder Kirche mit ihren Einkünften kam damals an Worms. Mit solchen Schenkungen wurde die Gründung des Martinsstiftes in Worms finanziert, das fast 800 Jahre lang der größte Grund- und Zehntherr in Spay bleiben sollte. Auch über dem Portal der Alten Kirche ist das Wappen dieses Stiftes zu sehen. Die Schenkung der Spayer Kirche an das Martinsstift wurde 1190 durch Kaiser Heinrich VI. bestätigt. Zu dieser Zeit war Niederspay bereits eine selbständige Pfarrei. Als Patron der Niederspayer Kirche wurde 1282 erstmals der heilige Lambertus genannt.

Wenn man die Alte Kirche heute betrachtet, konnte man meinen, sie sei „aus einem Guß“, nach einem stilistischen Konzept errichtet worden. Die neue Pfarrkirche wurde von einem Architekten entworfen; warum sollte das bei der Alten Kirche anders sein? Es ist aber anders, denn auch beim Bau der heutigen Pfarrkirche um die Jahrhundertwende war man auf Stiftungen und Spenden angewiesen. Wie hätte man vor 300 Jahren in Spay eine völlig neue Kirche finanzieren können? Die Alte Kirche wurde unter Verwendung von Bauteilen einer noch älteren Kirche erbaut, und wenn man genau hinsieht, kann man das noch heute nachvollziehen. Insbesondere der untere Turmteil zeigt Bauelemente aus dem letzten Jahrtausend, und auch der Gottesdienstraum ist nicht einheitlich. Aus Gründen, die bislang nicht eindeutig ermittelt werden konnten, hat man hier den Altarraum nicht mittig ans Schiff gesetzt. Durch ein zusätzliches Fenster in der Ostwand des Kirchenraumes wird diese Unregelmäßigkeit relativiert. Außerdem legen baugeschichtliche Untersuchungen den Schluss nahe, dass diese Kirche ursprünglich dreischiffig war. Demnach müsste der Raum früher durch zwei Säulenreihen der Lange nach unterteilt gewesen sein. Außerdem hat man verschiedene, teilweise sehr alte Gräber im Kirchenraum freilegen können. Es trifft also nicht zu, dass die Alte Kirche um 1670 von Grund auf neu errichtet wurde. Sie wurde lediglich in der uns heute bekannten Form - im Stil des 17. Jahrhunderts - wiederhergestellt. 1648 stellte man fest, dass die Spayer Kirche durch Kriegseinwirkung ödt und wüst liege. Auch ein Visitationsprotokoll vom 04. Januar 1656 besagt, dass Schiff und Turm der Kirche verwüstet (ruinosa), nicht aber völlig zerstört seien. In diesem Fall hätte man sicher eine andere Vokabel gewählt. Die Verwüstung der älteren Spayer Kirche fällt wohl in die 1630-er Jahre. Damals befand sich das Deutsche Reich mitten im 30-jährigen Krieg. Fremde Heere, gewalttätige Söldner und Seuchen verbreiteten Angst und Schrecken. Die Siedlungen Ober- und Niederspay, Peternach und viele andere wurden zum großen Teil, wenn nicht sogar völlig niedergebrannt. Petemach wurde 1636 vollständig zerstört und ist als Dorf, als Gemeinde nie wieder aufgebaut worden. Man muss hier etwas vorsichtig sein, denn auch später gab es dort vereinzelt Häuser. Nur zu einem Dorf wurde Petemach nie wieder. Ein Engländer namens Crowne hat im Mai 1636 unsere Gegend bereist und bestätigt das Vorhandensein verbrannter Siedlungen im Bopparder Amtsbezirk. Auch er schreibt von Pest, Kämpfen und Hungersnot. In Bacharach, so schreibt Crowne, soll der Hunger so stark gewesen sein, dass bereits Leute auf der Straße tot umgefallen seien. Auch habe man dort Verhungerte mit Gras im Mund gefunden.

Ober- und Niederspay blieben erhalten, obwohl auch hier nur wenige Gebäude die Verwüstungen überstanden hatten. Einige dieser Gebäude stehen noch heute oder waren zumindest zu Beginn unseres Jahrhunderts noch vorhanden. Allerdings darf man nicht von zerstörten Siedlungen sprechen, ohne die Menschen zu erwähnen, die im 30jahrigen Krieg ihr Leben oder ihre wirtschaftliche Existenz verloren haben. Bis zum Westfälischen Frieden 1648 waren die Namen ganzer Familien aus den Bopparder Pfarregistern verschwunden. Mit den Heeren waren nämlich auch Pest, Pocken, Cholera und Typhus wieder in unsere Gegend gekommen. Die Seuchen bedrohten dann die Menschen, denen die mordenden Söldner das Leben gelassen hatten. Als im Januar 1656 die Visitatoren die Kirche zu Gesicht bekamen, wird sie etwa so ausgesehen haben, wie wir sie aus der Zeit vor 1978 in Erinnerung haben. Zwar gab es einen Pfarrer, Paul Walraff, aber die Altäre waren entweiht, und offensichtlich hatten protestantische Gottesdienstgebräuche ihren Weg von Braubach und Rhens nach Spay gefunden. So wurde allen Gläubigen der Kelch zur Kommunion gereicht, was Pfarrer und Gemeinde eine schwere Rüge einbrachte. Verständlich, denn nicht weit von hier hatte man erhebliche Probleme, die evangelischen Rhenser zu rekatholisieren. Die Bauarbeiten an der Spayer Kirche sollten im Sommer 1656 beginnen; sie werden aber nur schleppend angelaufen sein. Man musste nämlich noch klaren, wer das alles finanzierte in dieser schweren Zeit. Schließlich wurde beschlossen, dass das Martinsstift als Zehntherr die Baupflicht für den Chorraum übernahm.Baupflicht für das Schiff und den Turm wurde der Gemeinde aufgezwungen, die ohnehin kaum in der Lage war, finanzielle und personelle Aufwendungen zu übernehmen.

In den Jahren 1665-1669 grassierte im Rheinland und in weiten Teilen Europas die letzte große Pest, die gerade auch im benachbarten Rhens besonders viele Opfer forderte. Bei einer geschätzten Sterbeziffer von 15-20 Personen pro Jahr waren in Rhens 1665 fast 70 und ein Jahr später über 100 Sterbefalle zu verzeichnen! Auch in Spay wird die Pest ihre Opfer gefordert haben, was auch ein Grund dafür gewesen sein mag, dass die Alte Kirche erst im Jahr 1670 wiederhergestellt war. Über die Zahl der Opfer, die die Pest in unserem Ort gefordert hat, ist nichts bekannt. 1688 streiften wieder Soldaten durchs Land. Der König von Frankreich hatte es nämlich nicht nur auf das Erbe des Kurfürsten von der Pfalz abgesehen, sondern er forderte das linke Rheinufer als Frankreichs Ostgrenze. Diesmal blieb Spay, wo die Folgen des 30-jährigen Krieges noch immer allgegenwärtig waren, wahrscheinlich verschont. Allerdings kam es in St. Goar und Koblenz zu militärischen Zwischenfällen. Die Festung Rheinfels war trotz schwerer Schaden noch zu halten, aber die Burg Stolzenfels wurde nach erfolgter Einnahme von den Franzosen gesprengt.

Über die Ausstattung der neu erbauten Alten Kirche wird 1680 berichtet. Es ist die Rede von drei Altären, die aber alle noch nicht konsekriert sind. Unter anderem wird ein Taufstein aus rotem Marmor genannt, der sich heute in der neuen Pfarrkirche befindet. Am 09. Mai 1695 konnte die Alte Kirche schließlich durch den Trierer Weihbischof Johann Verhorst geweiht werden. Sie wurde nun offiziell ihrer Bestimmung übergeben und sollte über 200 Jahre den Spayern und Breyern als Gotteshaus dienen. Bis zum heutigen Tag sollte es trotz schwerer Krisen und Kriege nie wieder geschehen, dass die dörfliche Gemeinschaft derart zerschlagen wurde wie im 30-jährigen Krieg. Vermutlich zog man damals sogar in Erwägung, die Pfarrei aufzulösen, weil die Einkünfte zur Besoldung eines Pfarrers fast zu gering waren. Sicher, die beiden letzten Weltkriege haben auch sehr viel Trauer, Not und Unglück gebracht, und die Erinnerung daran ist noch allgegenwärtig. Über den 30-jährigen Krieg, seine Begleitumstände und Auswirkungen auf unseren Ort wissen wir nur sehr wenig. Es lässt sich aber vieles rekonstruieren. Er wird unsere Vorfahren nicht minder schwer getroffen haben. Viele Menschen waren umgekommen, und ihre Hauser waren verwüstet oder zerstört. Es ist kein Zufall, dass die meisten erhaltenen Fachwerkbauten unserer Gemeinde zwischen 1650 und 1730 errichtet wurden. Kaum eins dieser Häuser ist vor 1650 gebaut worden. Noch heute lässt sich nachvollziehen, dass es in dieser Zeit einen regelrechten Bauboom in Spay gab. Es ging wieder langsam aufwärts, und dafür ist die Weihe der Alten Kirche am 09. Mai 1695 ein fast symbolisches Datum.

Wie mag der Weihbischof vor 300 Jahren zu den Spayernund Breyern gesprochen haben? Was mag es diesen Menschen bedeutet haben, seit fast 60 Jahren erstmals wieder in einer geweihten Kirche einen würdigen Gottesdienst zu feiern? Obwohl der Weihbischof sicher eine lateinische Messe las, kann uns der deutsche Text aus der Offenbarung des Johannes vielleicht etwas von der Stimmung, den Gefühlen und Hofnungen unserer Vorfahren vermitteln. Der Text ist nicht zufällig gewählt. Gerade im 17. Jahrhundert glaubten viele Menschen, das Weltende beginne. Über das Reich Gottes, auf das die Christen allerdings noch heute warten, schreibt Johannes im 21. Kapitel der Offenbarung: Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Für den einen ist dieser Text eine Botschaft Gottes, für den anderen nur ein Glaubenszeugnis. Man kann ihn also auf vielerlei Art und Weise interpretieren. Ich halte ihn hier für angebracht - unabhängig von seiner vielfältigen Auslegung.

Nicht alle Daten der Alten Kirche können hier Erwähnung finden, deshalb springen wir ins 19. Jahrhundert. Nachdem man 1811 aus Platzgründen den Friedhof an seinen heutigen Ort verlegt hatte, beklagte man 1844 nun auch die Enge der Alten Kirche. Zu einem Neubau oder einer Erweiterung der Kirche fehlten allerdings die nötigen Mittel. Erst kurz vor der Jahrhundertwende wurde mit der Unterstützung der Baronin Isabella von Maereken zu Geerath ein Neubau der Pfarrkirche möglich, der noch heute genutzt wird. Die Alte Kirche, die die Zeit nach ihrem Wiederaufbau im 17. Jahrhundert unbeschadet überstanden hatte, war nun dem Verfall preisgegeben. Sicher hätte man sie erhalten können, aber es fehlte ein Nutzungskonzept, und andere Probleme hatten Vorrang. Der Verfall in den Jahren nach 1900 war also nie gewaltsam. Er war aber zuletzt so fortgeschritten, dass man sogar den Abriss der Ruine in Erwägung zog. Mit dem erneuten Wiederaufbau der Alten Kirche im Jahre 1979 hat Familie Krautkremer ein historisch bedeutsames Zentrum der Gemeinde vor weiterem Verfall gerettet und unserem Ort zurückgegeben. Obwohl die Geschichte der Alten Kirche uns noch manches Rätsel stellt, vermitteln doch die Umstände ihres Wiederaufbaus und ihrer Weihe vor 300 Jahren eine bedeutende Botschaft: In einer Zeit, in der es uns so gut geht, in einer Zeit, wo zumindest unsere Heimat vor Seuchen und Krieg verschont ist, und in einer Zeit, wo wir auch finanziell in der Lage sind, die Gemeinschaft zu pflegen, sollten wir diese nicht leichtfertig aufs Spiel setzen! In diesem Zusammenhang erinnert uns die Alte Kirche an eine schwere Zeit, das 17. Jahrhundert, den 30-jährigen Krieg und die Pest. In all unserem Wohlstand sollten wir dies nie vergessen. Für kulturelle Veranstaltungen sollten wir die Alte Kirche noch häufiger nutzen, damit uns an der Vergangenheit bewusst wird, was Friede und Gemeinschaft - auch in unserem Ort - wert sind.

Quelle: Sascha Ritter (Sonderdruck); red. Bearb. S.G.

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